Zeitgerechte Hassobjekte medienübergreifend
Was haben die Leiden des jungen Werthers und „Killerspiele“ gemeinsam? Beiden wird eine unheimliche Sogwirkung nachgesagt, denen sich der Rezipient nur unter größten seelischen und körperlichen Anstrengungen entziehen kann. Was unterscheidet sie, abgesehen von ihrer unterschiedlichen Medienherkunft? Der bürgerliche Roman vom allseits geschätzten Goethe brachte mehr Todesfälle hervor, als ein vor spritzendem Blut und heraushängenden Eingeweiden vollgepfropfter Flachbildschirm mit einer ungewöhnlich ausladenden Bildschirmdiagonalen. Hätte sich der sensible, und vor Liebesschmerz dümmlich wimmernde Werther vor dem überstürzt gewählten Freitod an seine rationalen Verstandeskräfte gewandt, hätten sich die zahlreich vorhandenen Leser, noch vom ungewöhnlich einwirkenden Lese-Vergnügen emotional gesättigt, nicht aus meterhohen Fenstern geworfen, hätten sich keine bleihaltige Kugel durch ihren leicht beeinflussbaren, noch vom Konsum des literarisierten Stoffes beschwingten Kopf gehämmert und die Anzahl an Todesfällen wäre womöglich marginal, wie eine tief über dem Boden daherschwebende Schwalbe.
Auch die Leiden des jungen Werthers wurden zeitweise zensiert, der Roman wurde als neu auf die Lesewelt herabkommende Gattung mit zweifelnden, vorsichtigen Blicken betastet und als Lügenmaschinerie verunglimpft. Er wurde vor 200 Jahren zutiefst verachtet, heute blüht er auf, und gilt als niveauvoller Zeitvertreib, dem sich jeder, ohne Verabscheuung eintröpfelnde Blicke zu ernten, am Abend seiner wohlverdienten Ruheperiode genüsslich und weidlich hingeben kann.
Die Zeit belehrte die Menschen, welche sich von ihren Engstirnigkeiten nicht emanzipieren konnten. Sollen die Zollbediensteten und Grenzwächter der menschlichen Moral und Ethik ihre in Hass getränkten Keulen schwingen, wenn ein Medium dem Menschentum nicht nachträglich ist, dann wird die kulturelle Evolution ihm seinen Platz in etablierten Kreisen gewähren. Evolutionäre Stränge muten hinsichtlich der Wortwahl hochtrabend an, doch es klingt eben weit moderner und zeitgenössischer, als zu vor Fatalismus triefende Schicksalsgläubigkeiten zu greifen.
Wenn Videospiele auf dem heutigen Niveau verharren, dann haben sie es eben auch nicht verdient. Doch davon ist nicht auszugehen.
Mit Werther wurde der moderne Roman eingeläutet („Daran gewöhnt, vom Autor immer eine klare moralische Wertung des Geschehens mitgeliefert zu bekommen, waren die Leser bei der Einschätzung des Werther ganz auf ihr eigenes Urteil gestellt“ aus: Deutsche Literaturgeschichte, Metzler 1989) Steht dieser Schritt noch aus? Wir müssten mittlerweile so weit gekommen sein, um zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden (abgesehen von einigen unrühmlichen Negativbeispielen), doch wann steht der nächste Schritt an? Steht uns ein „Werther-Wahn“ noch bevor? Zum Glück lassen sich Geschichten von Medien nicht parallel zu anderen Mediengattungen lesen. Ansonsten stünde uns Aberwitziges bevor.
Jedenfalls fügte Goethe, wie ich gerade eben belustigt lesen musste, in der zweiten Auflage seines Erfolgwerks voranstellend hinzu: „Sei ein Mann, und folge mir nicht nach!“. Müsste es heute gerechterweise Spielen vorbehalten sein, folgendes Statement im Voraus zu platzieren: „Sei ein Mann bzw. eine Frau (wir leben ja schließlich in einem geschlechteraufgeklärten Zeitalter) und mache nicht das in der Realität, was du mir in der virtuellen Spielwelt selbst auftragen wirst.“
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7 Kommentare zu diesem Artikel
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Sonic7
Keine Komentare
Jimbei
Hey, Leute, bitte… ( ^ ^ )” Ich verstehe ja, dass ihr wahrscheinlich Gebildete Leute oder Studierende seid, aber holt doch nicht immer so weit aus. ( ^ ^ )” Ihr könnt es auch sofort auf den Punkt bringen: “Sollten Videospiele zukünftig ernster genommen werden, was den Grad der Beeinflussung der menschlichen Psyche oder seines Handelns angeht?” Einen Comment dazu gebe ich aber erst morgen ab (müde…).
Sebastian
Hehehehe,
der Klaus flasht sie alle.
denol
ich finds super wenn das thema intelektuell behandelt wird.
Roc
Der Klaus
flippt aus.
^^
Sebastian, bist du etwas Klaus größter Fan? *G*
Sebastian
Nein, aber wir halten in der Redaktion oft Händchen.
sony
das glaub ich auch^^